DORISEA Forscher Dr. Michael Prager berichtet

Gunung Kawi: Pilgertum, Religion und die Ökonomisierung des Sakralen in Indonesien


Das Mausoleum auf Gunung Kawi (Foto: Michael Prager)

„Hier sind alle Religionen willkommen, ob Islam, Christentum, Buddhismus, Kejawen alles geht hier“. Mit diesen an Paul Feyerabends Credo des "Anything Goes" erinnernden Worten wird der Besucher begrüßt, wenn er das Heiligtum von Gunung Kawi (Pesarean Gunung Kawi) betritt, einem der populärsten und meist-frequentierten Pilgerorte Indonesiens. Die ca. 40 km westlich der ostjavanischen Stadt Malang gelegene Pilgerstätte befindet sich an den Hängen des Kawi-Berges, knapp 300 m oberhalb des Dorfes Wonosari (Distrikt Wonosari, Landkreis Malang). Den inneren Kern des Heiligtums bilden zwei sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindliche Grabmale, in denen zwei Figuren aus der jüngeren javanischen Geschichte ihre letzte Ruhestatt gefunden haben sollen, Eyang Jugo alias Kyai Zakaria II (? - 1871) and Raden Mas Iman Soedjono alias Eyang Sujo (? - 1876). In genealogischer Hinsicht werden die beiden Figuren mit dem Kraton von Solo bzw. Yogyakarta in Verbindung gebracht. Bei beiden soll es sich zudem um enge Vertraute des javanischen Prinzen Diponegoro (1785-1855) gehandelt haben, an dessen Seite sie im Java-Krieg (1825-1830) gegen die Vereinigte Niederländische Ostindien-Kompanie kämpften. Nachdem der Krieg verloren war, zogen sich die beiden nach Gunung Kawi zurück, wo sie fortan für die Verbreitung des Islam unter der Lokalbevölkerung Sorge trugen, bis sie schließlich hoch betagt und hoch verehrt im Jahre 1871 bzw. 1876 das Zeitliche segneten.

Wie immer in solchen Fällen, ist die Frage nach der „Echtheit“ der Grabstätten und der Zuverlässigkeit der historischen Überlieferung nur von untergeordneter Bedeutung, da Millionen von Indonesiern von der Authentizität der Grabmale und der mit ihnen verbundenen Erzählungen überzeugt sind. Jährlich wird Gunung Kawi von 1,2 bis 1,3 Millionen Pilgern aufgesucht. Die höchsten Besucherzahlen sind jedoch an spezifischen Feiertagen zu verzeichnen, darunter der sich monatlich wiederholende und auf dem javanischen Kalender basierende Jum'at Legi. Eyang Jugo soll an einem solchen Jum'at Legi bestattet worden sein und dementsprechend wird Gunung Kawi speziell zu diesem Termin von einer Vielzahl von Pilgern aufgesucht. Ein anderer wichtiger Termin ist der 12. Tag des javanischen Monats Suro, zu dessen Anlass aufwendige Prozessionen zu den Heiligengräbern veranstaltet werden, da an diesem Tag Raden Mas Iman Soedjono verstorben sein soll. Zu solchen Anlässen drängen sich die Besucher zu Tausenden in den engen Gassen von Wonosari.  

Neben den beiden Grabstätten, die seit den 60er Jahren des 20 Jh. von einem Mausoleum (pendopo makam) umgeben sind, befindet sich ein weiteres Heiligtum, ein sakraler Baum, der als pohon dewadaru bezeichnet wird. Mit dem Baum (bot.: Eugenia uniflora, Surinamkirsche), den Eyang Jugo eigenhändig gepflanzt haben soll, hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Die Pilger verharren sitzend unter dem Baum in der Hoffnung, dass eines seiner Blätter fällt, was als untrügliches Zeichen dafür gilt, dass die Gebete und Wünsche, die man in der Grabkammer gesprochen hat, erhört worden sind. Manche Besucher je nachdem wie lange sie sich den Aufenthalt auf Gunung Kawi leisten können sitzen oft über mehrere Tage unter den Zweigen des pohon dewadara und nicht wenige müssen schließlich enttäuscht von dannen ziehen, da keines der Blätter sich ihrer erbarmt hat.

       

Pohon dewadaru auf Gunung Kawi (Foto: Michael Prager)

Weiter unterhalb im Dorf Wonosari befinden sich zudem zwei Wasserquellen, die von den beiden Heiligen als Badeplätze, aber auch zur Heilung von Kranken genutzt wurden. Das aus diesen Quellen entnommene Wasser gilt als sakral und die Pilger füllen die kostbare Flüssigkeit literweise in Flaschen ab, die sie mit nach Hause nehmen. In Analogie zum Zamzam-Brunnen in Mekka werden die Wasserquellen vor Ort auch als janjam bezeichnet. Daneben existieren noch andere Hinterlassenschaften Eyang Jugos und Eyang Sujos, die im lokalen zeremoniellen Jahreszyklus ebenso eine zentrale Rolle spielen. 

Tritt man durch einen Torbogen, der zum Areal des Mausoleums führt, so wird der Besucher mit einem Hinweis davor gewarnt, „nichts Schlechtes zu denken“, denn Gedanken und Wünsche können hier unmittelbar Wirklichkeit werden. Dies ist das eigentliche Mysterium von Gunung Kawi. Gunung Kawis Popularität verdankt sich nicht zuletzt dem Umstand, dass man an den Gräbern von Eyang Jugo und Raden Mas Iman Soedjono unverblümt um wirtschaftlichen Erfolg und den Erwerb von Reichtümern bitten darf, eine Form der Fürbitte, die an anderen islamisch konnotierten Pilgerstätten in Indonesien zumindest in direkter Form gewöhnlich verpönt ist. In der Tat wird die Pilgerstätte von vielen Klein- wie auch Großunternehmern besucht, darunter Restaurant-Besitzer, Fabrikanten, Kleinhändler und andere Geschäftsleute, die im Mausoleum vor den Gräbern niederknien und um wirtschaftlichen Erfolg bitten.

Eingang zum Areal der Heiligengräber, Gunung Kawi
(Foto: Michael Prager)

Neben dieser Besonderheit, dass Spiritualismus und Kapitalismus auf Gunung Kawi als zwei Seiten von ein- und derselben Medaille erscheinen, muss vor allem auch der multi-religiöse Charakter der Pilgerstätte hervorgehoben werden. Gunung Kawi wird nicht nur von Muslimen, sondern auch von Christen, Buddhisten, und Hindu-Balinesen besucht. Pilger aus allen Teilen des indonesischen Archipels sind hierbei vertreten, aber auch Besucher aus Singapur, Malaysia und den Philippinen werden regelmäßig gesichtet. Der Hauptanteil der Pilger wird jedoch von chinesischstämmigen Indonesiern (zumeist buddhistischen Glaubens) gestellt, die das lokale Erscheinungsbild Gunung Kawis heutzutage maßgeblich prägen. Gunung Kawis Popularität unter der chinesischstämmigen Bevölkerung (Tionghoa genannt) geht auf eine exemplarische Geschichte zurück, die sich mit dem Aufstieg des indonesischen Tabakkonzerns Bentoel verbindet. Dessen Begründer, der chinesischstämmige Ong Hok Liong (1898-1967), war in den 30er Jahren des 20. Jh. ein einfacher Tabakhändler, der seine handgerollten Kretek (Kretek sind Nelken-Zigaretten) unter den unterschiedlichsten Markennamen an den Mann zu bringen versuchte, zunächst jedoch mit nur bescheidenem Erfolg. Eines Tages, so die Legende, soll Ong Hok Liong zum Gunung Kawi gepilgert sein, wo er sich über mehrere Tage im Gebet vertiefte. In einem darauf folgenden Traum erschienen ihm die beiden Heiligen, die ihm den Rat erteilten, seine Zigaretten zukünftig unter dem Namen Bentoel zu vermarkten, woraus schließlich eines der erfolgreichsten Unternehmen der indonesischen Nachkriegsgeschichte hervorging. Während der folgenden Jahrzehnte firmierte der Bentoel-Konzern als wichtigster Sponsor der Pilgerstätte von Gunung Kawi. Seit dem Rückzug von Bentoel wird die Rolle des Mäzens vor allem von Anthony Salim ausgeübt, einem der Erben der milliardenschweren Salim-Group, dem größten Konzern Indonesiens. Er hat dem Ort u.a. eine imposante Moschee gestiftet.  

Mit den Jahren hat sich auf Gunung Kawi eine weit verzweigte Infrastruktur entwickelt, die speziell auf die Bedürfnisse der chinesischstämmigen Pilger zugeschnitten ist, darunter ein Dewi Kwan-Tempel, ein Ciamsi (Wahrsagehaus) und eine Vielzahl von kleineren Tempeln, die an unterschiedlichen Plätzen im Umfeld des Heiligtums errichtet worden sind. Darüber hinaus haben sich eine Vielzahl von chinesischen Souvenirläden und Restaurants angesiedelt sowie andere Dienstleister, die vom "paranormalen Handlesen" bis zu individuell angefertigten Schnitzereinen zu Themen aus der chinesischen Mythologie so ziemlich alles anzubieten haben, was das Herz der Pilger begehrt.

Chinesischer Dewi Kwan-Tempel auf Gunung Kawi
(Foto: Michael Prager)

Durch den Einfluss der zumeist wohlhabenden chinesischstämmigen Besucher ist auf Gunung Kawi eine religiöse Dynamik in Gang gesetzt worden, die nicht überall auf Gegenliebe und Verständnis stößt. Idealer Weise besteht die rituelle Prozedur darin, dass die Pilger bevor sie das Mausoleum betreten einen Korb mit Blumen erwerben, dem je nach individuellen Möglichkeiten 10.000 bis 20.000 Rupiah (ca. 0,80 € - 1,60 €) beigefügt werden. Anschließend nähern sich die Pilger den beiden Heiligengräbern, wo die Blumen einschließlich der gestifteten Geldsumme vom Juru Kunci, dem Grabverwalter, bzw. einem seiner Helfer entgegengenommen werden. Während die Pilger stumm ihre Gebete an die Heiligen richten, werden die Blumen vom Juri Kunci geweiht und über die beiden Gräber verstreut.

            Typische Opfergaben auf Gunung Kawi (Foto: Michael Prager)

So zumindest lautet die Theorie. In der Praxis hat sich mittlerweile zumindest was die Höhe der eingesetzten Geldsummen betrifft ein gänzlich anderes Schema etabliert. Vor allem die chinesischstämmigen Pilger setzen mittlerweile exorbitant hohe Geldbeträge ein, die sich schnell auf mehrere Millionen Rupiah belaufen können. Als hätte man nachträglich Max Weber zu Rate gezogen, so ist das rituelle Prozedere mittlerweile einer Vielzahl von Rationalisierungsleistungen unterzogen worden, von denen die folgende vielleicht am prägnantesten die auf Gunung Kawi in Gang gesetzten Veränderungen zum Ausdruck bringt: Neben dem Eingangstor zum Heiligtum ist ein Schalter eingerichtet worden, wo die Pilger zum Festpreis komplett ausgestattete Slametan-Rituale ordern können, die sich im Bedarfsfall mit Wayang-Zeremonien und anderen Zusatzleistungen kombinieren lassen. Eine über dem Schalter angebrachte Preisliste informiert im Detail über die angebotenen rituellen Dienstleistungen und die damit verbundenen Preise. Die hierbei zum tragenden kommenden Kosten gehen ebenfalls in die Millionen, insbesondere wenn der Besuch auf Gunung Kawi mit solch aufwendigen Zeremonien wie dem Ruwatan (5 Millionen Rupiah, ca. 415 €) verknüpft wird.

Zwei zu spät gekommene Pilger, die am Bestellschalter
verweilen
(Foto: Michael Prager)

Wer unter den chinesischstämmigen Pilgern etwas auf sich hält, wird zudem nicht umhinkommen, für ca. 26 Millionen Rupiah (ca. 2155 €) eine der bis zu 2,50 m hohen Tempelkerzen in einem der lokalen Geschäfte zu erwerben, die anschließend in einem der chinesischen Tempel aufgestellt wird. In die Kerzen werden nicht selten die Namen ihrer Gönner sowie die der von ihnen repräsentierten Wirtschaftsunternehmen eingraviert, die sich dergestalt in die zeremonielle Landschaft Gunung Kawis einschreiben.    

            Insbesondere von Seiten der Muslime wird zunehmend Kritik an den ausufernden Preisen geübt, die als amoralisch und der rituellen Effektivität abträglich gewertet werden. Die Muslime betonen hierbei, dass bescheidene Opfergaben von Seiten der Pilger durchaus ausreichend seien, damit die Gebete und Wünsche von den beiden Heiligen zur Kenntnis genommen werden. Marcel Mauss hatte in der "Gabe" (1925/1978: 35) bereits darauf hingewiesen, dass der über das Medium der Opfergaben vermittelte Austausch zwischen den Lebenden und den Göttern bzw. spirituellen Wesen in der Regel durch Asymmetrie gekennzeichnet ist, denn "jene Götter, welche geben und erwidern, sind dazu da, etwas Großes für etwas Kleines zu geben."[1] Es ist exakt jener Modus des Austauschs, den die Muslime durch das ökonomische Gebären der chinesischstämmigen Pilger gefährdet sehen.  

Die von letzteren gepflegte Austauschlogik ("investiere soviel wie möglich, gewinne dabei so viel wie möglich") erinnert an die These Derridas (1991),[2] wonach die Gabe solange sie in den Kreislauf der Intentionalität und der gegenseitigen Transaktionen und Leistungen eingebunden bleibt niemals frei von ökonomischen Erwägungen erscheint und letzthin gerade jene Form des ökonomischen Kalküls verkörpert, dem sie als Denkbild so nachdrücklich zu entkommen trachtet.

Neben dem Thema der "Consumer-Religion", dem in der bisherigen Südostasienforschung viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, welchen übergreifenden Wandlungsprozessen die lokale Formen des religiösen Handelns und die damit verbundenen Austauschprozesse letztendlich unterworfen sind, wenn sie der Beschleunigung des spätmodernen Kapitalismus anheim fallen. Dies ist sicherlich eine entscheidende Dimension der Dynamik von Religion im aktuellen Südostasien, der sich die komparative Forschung zwangsläufig zu stellen hat. Sagen wir so: Die sich im Falle von Gunung Kawi abzeichnende Entgrenzung der Austauschlogik ("investiere viel, gewinne noch mehr") zeugt von dieser Dynamik, indem religiöses Handeln zunehmend von der Diskurslogik des globalisierten modernen Markts beeinflusst wird. Quinn (2008)[3] hat unlängst darauf verwiesen, dass sich viele der islamischen Pilgerorte in Indonesien mittlerweile in lukrative Einnahmequellen für die Lokalregierungen verwandelt haben, was aber für die Pilger kein vorrangiges Problem darstelle, da im (javanischen) Islam ohnehin keine scharfe Trennung zwischen devotionalen und wirtschaftlichen Transaktionen bestehe. Die von Quinn hierbei ins Feld geführten Koran-Zitate, die bisweilen auch von den javanischen Pilgern zitiert werden, sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen, aber in ihrer Pauschalität greifen Quinns Beobachtungen letztendlich zu kurz. Die grundsätzliche Kritik, welche die Muslime dem gegenwärtig auf Gunung Kawi vorherrschenden Finanzgebären gegenüber zum Ausdruck bringen, hat keinesfalls etwas mit der Frage zu tun, ob die Opfergaben an die Heiligen Geldbeträge mit einschließen sollten. Dies wird von keinem der Kritiker in Frage gestellt, sondern vielmehr wird das Problem des "rechten Maßes" aufgeworfen, der Asymmetrie zwischen Schöpfer und Mensch, die sich in der Austauschbeziehung als solchen unmittelbar widerspiegeln sollte.  

Auch wenn die Pilger auf Gunung Kawi mittlerweile erhebliche Geldbeträge in die lokale rituelle Maschinerie einspeisen und das "rechte Maß" zunehmend ins Wanken gerät, so darf doch keinesfalls übersehen werden, dass die Frage des wirtschaftlichen Erfolges noch immer vorrangig von der Gunst spiritueller Kräfte abhängig gemacht wird, die sich den Gesetzen des Marktes grundlegend entziehen. Alle der von mir interviewten Pilger waren der grundlegenden Überzeugung, dass ihre Geschäfte, Lokale und Unternehmen allein nur deswegen prosperieren, weil sie die Pilgerstätte regelmäßig aufsuchen und an den Gräbern der beiden Heiligen die entsprechenden Wünsche und Gebete vorbringen. Die von Luhmann[4] diagnostizierte Selbstreferentialität der funktionalen Subsysteme moderner Gesellschaften lässt demnach in diesem Fall noch auf sich warten, auch wenn sie am Horizont bereits ihre Schatten wirft. Man wird in diesem Zusammenhang eher an den von Jean und John Comaroff (1999)[5] geprägten Begriff der "okkulten Ökonomie" zurückdenken, den es jedoch zuallererst aus den ihm aufgezwungenen theoretischen Limitationen herauszuschälen gilt, um diesen als komparatives Instrument zum Verständnis und Analyse der Dynamik von Religion in Südostasien fruchtbar zu machen.




[1] Marcel Mauss (1978): Soziologie und Anthropologie, Bd. II Gabentausch, Todesvorstellungen, Körpertechniken. Frankfurt: Ullstein.

[2] Jacques Derrida (1991): Donner le temps: La fausse monnaie. Paris: Editions Galilée.

[3] George Quinn (2008): Throwing Money at the Holy Door. Commercial Aspects of Popular Pilgrimage in Java. In: Greg Fealy & Sally White (eds.), Expressing Islam. Religious Life and Politics in Indonesia; pp. 63-79. Singapore: ISEAS.

[4] Niklas Luhmann (1984): Soziale Systeme. Frankfurt: Suhrkamp.

[5] Jean Comaroff & John L. Comaroff (1999): Occult economies and the violence of abstraction: notes from the South African postcolony. American Ethnologist 26: 279–303.