Politisierung der Religion in der malaysischen Moderne – Islamischer Konsum und der Aufstieg der malaiischen muslimischen Mittelschicht

Deutsch
Prof. Dr. Vincentius Houben
Politisierung der Religion in der malaysischen Moderne – Islamischer Konsum und der Aufstieg der malaiischen muslimischen Mittelschicht
Region: 
Malaysia

Das Teilprojekt untersucht die Frage, auf welche Weise die Politisierung der Religion in der malaysischen Moderne als Projekt der politischen Eliten mit zunehmender Religiosität der malaiischen Bevölkerung verknüpft ist. In der Tat beruht das politische System Malaysias auf dem Primat der Malaien gegenüber den anderen drei ethnischen Gruppen des Landes (Chinesen, Inder und Ursprungsbewohner). Die Zugehörigkeit zu ‚Melayu‘ ist mit dem Bekenntnis zum Islam weitgehend gleichgesetzt, und somit ist die Politisierung der Religion zum Eckpfeiler des heutigen Herrschaftssystems geworden. Welche Rolle der Islam in der heutigen malaysischen Gesellschaft einnehmen soll ist allerdings zu einem der brisantesten politischen Streitthemen geworden, und führt auch unter Malaien immer mehr zu Auseinandersetzungen. Dieses Teilprojekt wird sich auf eine empirische Untersuchung von Religiosität unter der malaiischen Mittelschicht in den urbanen Räumen von Kuala Lumpur und Kota Bharu stützen. Die Forschungshypothese ist, dass Religiosität sich schichtabhängig konstituiert, und deswegen vorrangig die gebildete Mittelschicht das politische Projekt der Islamisierung rezipiert und unterstützt.

Formen des islamischen Konsums bieten einen höchst interessanten Zugang zu dieser Frage (Haenni 2005). Tatsächlich hat die rasante ökonomische Entwicklung Malaysias eine große Vielfalt an neuen Konsumgütern mit sich gebracht und Shopping ist zu einem der beliebtesten Zeitvertriebe der urbanen Mittelklasse geworden. „Exzessiver“ Konsum wird unter malaiischen Muslimen zwar moralisch verurteilt, es kann aber ein Trend zur religiösen Legitimierung von „moderatem“ Konsumverhalten festgestellt werden (Fischer 2008). Definitionen von religiös korrektem Konsum und die – vom malaysischen Staat kontrollierte – islamische Zertifizierung von halal Ware spielen in dieser Legitimierung eine wichtige Rolle (ibid).

Ganz entgegen der These, dass Religion per Definition als Gegenpol von Kommerz fungiert, zeigt die historische Literatur zu Südostasien, dass „Islam und Kommerz seit jeher miteinander verbunden sind und sich nicht gegenseitig ausschließen“ (Jones 2010a: 620, unsere Übersetzung). Diese Verbindung wird auch heute immer wieder festgestellt. Daromir Rudnyckyj (2009; 2010) zeigt zum Beispiel wie sich in weiten Teilen des heutigen muslimischen Südostasiens ein so genannter „Market Islam“ verbreitet: spezielle Kurse zielen darauf ab, „Islamische“ Werte wie Selbstbeherrschung, Verantwortlichkeit und unternehmerisches Handeln zu fördern – damit wird man sowohl ein frommerer Moslem als auch ein produktiverer Angestellter für die neoliberale Wirtschaft (2010). Auch bei Frauen liegen Weiterbildungskurse, die sie als "gute" und "gemäßigte" Konsumentinnen ausbilden, im Trend (Jones 2010b). Die Rolle von Frauen als Konsumentinnen bedarf spezieller Aufmerksamkeit, wurde jedoch in der existierenden Literatur zu islamischen Konsum in Südostasien kaum beachtet (Jones 2010a). Mit der Industrialisierung und der Entwicklung der Konsumwirtschaft im europäischen Kontext des 19. Jahrhunderts hat sich die soziale Rolle der Frauen stark verändert: von Produzentinnen wurden sie mehrheitlich Konsumentinnen und "richtig ausgeben wurde ebenso wichtig wie genug verdienen" (Zelizer 1994: 39, unsere Übersetzung). Malaysische Frauen sind sowohl wichtige Arbeitskräfte als auch aktive Konsumentinnen, und sie spielen in der Definition der muslimischen, malaiischen Mittelschicht über islamischen Konsum eine zentrale Rolle. Wie hängt die Idee von der "guten" Muslimin mit dem Ideal der "gemäßigten" Konsumentin und der „produktiven“ Arbeiterin zusammen? Warum wird übermäßiger Konsum besonders bei Frauen als unmoralisch definiert?

Die empirische Erforschung von islamischem Konsum bietet einen höchst interessanten Zugang zur Frage, wie sich Religiosität im politischen Kontext Malaysias schicht- und geschlechterabhängig konstituiert. Durch die Untersuchung von Konsumpraktiken wird die These untersucht, welche besagt, dass die Gesellschaftsordnung Malaysias nicht länger primär auf ethnischer Unterscheidung, sondern auf religiöser Differenz beruht.

Zitierte Referenzen:

Fischer, Johan. 2008. Proper Islamic Consumption: Shopping among the Malays in modern Malaysia. Copenhagen: NIAS Press

Haenni, Patrick. 2005. L’Islam de Marché. Paris: Editions du Seuil et La République des Idées

Jones, Carla. 2010a. "Materializing Piety: Gendered Anxieties about Faithful Consumption in Contemporary Urban Indonesia." American Ethnologist 37(4): 617-637.

Jones, Carla. 2010b. "Better Women: The Cultural Politics of Gendered Expertise in Indonesia." American Anthropologist 112 (2): 270–282

Metzger, Laurent. 1996. Stratégie Islamique en Malaisie: 1975-1995. Paris: L’Harmattan

Rudnyckyj, Daromir. 2009. “Market Islam in Indonesia.” Journal of the Royal Anthropological Institute (N.S.): 183-201

Rudnyckyj, Daromir. 2010. Spiritual Economies. Islam, Globalization, and the Afterlife of Development. Cornell University Press

Zelizer Viviana A.. 1994. The Social Meaning of Money. New York: BasicBooks