Die rituelle Reproduktion von „Khmerness“ in Thailand - Populäre Religion und Sozialstruktur in der thailändischen Peripherie

Deutsch
Associate: Benjamin Baumann, M.A.
Die rituelle Reproduktion von „Khmerness“ in Thailand - Populäre Religion und Sozialstruktur in der thailändischen Peripherie
Region: 
Thailand

Im populären Diskurs Thailands ist die ethnische Kategorie Khmer nicht nur untrennbar mit dem Nationalstaat Kambodscha, sondern auch mit den religiösen Kategorien „Magie“, „Geister-/Ahnenglaube“ und „Brahmanismus“ verbunden. Im Mittelpunkt dieser, praktisch nur schwer voneinander trennbaren, religiösen Kategorien, denen als lokalen Traditionen ein hohes Maß an spiritueller Potenz zugesprochen wird, steht der Glaube an die Existenz und Wirkmächtigkeit übernatürliche Wesenheiten, der in den frühen Versuchen „das Religiöse“ zu definieren noch zu dessen Essenz erklärt wurde. Aufgrund der Betonung übernatürlicher Wesenheiten, stellt die mit diesen religiösen Kategorien assoziierte religiöse Praxis, aber auch eine Abweichungen von der imaginierten Orthodoxie eines staatlich propagierten Theravada Buddhismus dar, wie er sich z.B. in Form des Thammayut Ordens praktisch manifestiert. Im Rahmen einer staatszentrischen Perspektive mag es daher analytisch gerechtfertigt erscheinen „Magie“, „Geister- und Ahnenglaube“ und „Brahmanismus“ als Formen populärer Religion oder als Heterodoxien zu klassifizieren. Dieses Forschungs-vorhaben verfolgt jedoch einen anderen Ansatz, bei dem nicht das Zentrum und die dort herrschenden Klassifikationen, sondern die demnach als räumliche und soziale Peripherie kategorisierten Regionen und die dort geltenden Klassifikationen zum Ausgangspunkt einer Analyse religiöser Phänomene gemacht werden.

Unter räumlicher Peripherie wird dabei der südliche Isaan (die Provinzen Nakhon Ratchasima, Buriram, Surin und Si Saket) verstanden. Dabei handelt es sich um eine im wissenschaftlichen Diskurs zu Thailand bisher unterrepräsentierte Region, die, nicht nur aufgrund anhaltender Grenzkonflikte zwischen Thailand und Kambodscha, vermehrt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Die dort lebenden Thai-Khmer, die mit ca. 1 Million Menschen die drittgrößte ethnische Minderheit Thailands darstellen und die bis vor kurzem noch als „unsichtbare Minorität“ klassifiziert wurden, bilden die soziale Peripherie und den Gegenstand des Forschungsvorhabens. Die zentrale Frage des Projekts, nach der Bedeutung von der mit „Magie“, „Ahnen-/Geisterglaube“ und „Brahmanismus“ assoziierten rituellen Praxis für die Reproduktion einer ethnischen Identifikation als Thai-Khmer, musste nach dem ersten Feldbesuch um die Frage nach der primären sozialen Bezugseinheit erweitert werden. Erste Daten deuten an, dass es nicht ethnische, sondern lokale Identität und Solidarität sind, die im Mittelpunkt sozialer Identifikationen stehen und die über rituelle Praxis und insbesondere rituellen Gabentausch reproduziert werden. Bemerkenswert ist dabei der intensive Austausch, der zwischen Lebenden und den o.g. übernatürlichen Wesenheiten stattfindet, die während der Rituale von Menschen, Figuren oder Objekten repräsentiert werden. So kommt es, dass selbst bei vermeintlich für die Lebenden stattfindenden Ritualen, wie z.B. Hochzeiten, Ahnen im Zentrum ritueller Aufmerksamkeit stehen. Übergangsrituale sind somit nicht nur essentielle Momente für die Genese einer Person und ihrer Identität, sondern auch für die Reproduktion sozialer Gruppen. Dieser Kategorie von Ritualen, insbesondere aber Hochzeiten und Begräbnissen, wird deswegen vermehrte Aufmerksamkeit entgegengebracht werden.

Eingeschlossen wird die spezifische Fragestellung des Forschungsvorhabens von Webers Religionssoziologie und der Annahme, die Bedeutung populär religiöser Ideen und Praktiken wäre ein Kennzeichen wirtschaftlich und sozial benachteiligter Gruppen. Diese Beziehung spiegelt sich auch in aktuellen Studien und der Tendenz, religiöse Praktiken als Markenzeichen sozialer Gruppen in den postmodernen Gesellschaften Südostasiens zu identifizieren. Diskutiert werden soll die daraus abgeleitete Frage, inwieweit säkulare Tendenzen überhaupt kennzeichnend für die Modernisierung südostasiatischer Gesellschaften sind und ob daher auch die Postmoderne, ähnlich wie in Europa, mit einer Rückbesinnung auf das Religiöse einhergeht. Auch die für Bangkok beschriebene und als Markenzeichen sozialer Transformation identifizierte Zunahme einer Kommodifizierung des Religiösen, soll auf Grundlage lokaler Wert-Konfigurationen kritisch hinterfragt werden.