DORISEA Forscher Patrick Keilbart berichtet

Modern Inner Power? Jugendliche Indonesier zwischen spiritueller Erziehung und modernem Kampfsport

Von Patrick Keilbart, Universität Göttingen

02.11.2008. Ich stehe gemeinsam mit Julien (einem Ethnologen aus Frankreich) und etwa 30 jugendlichen Indonesier_innen auf der Ladefläche eines Lastwagens und wir schaukeln über eine holprige Straße von Bandung (West-Java) aus Richtung Norden. Über das Ziel unseres Ausfluges wissen wir lediglich, dass es ein Waldstück am Rücken eines Berges ist, wo die Jugendlichen über 24 Stunden hinweg in Pencak Silat unterrichtet werden sollen.

Pencak Silat ist der Indonesische Nationalsport und gleichzeitig eine traditionsreiche Kampfkunst, die seit ihren Ursprüngen praktiziert und gelehrt wird, um tenaga dalam (Innere Kraft) zu erlangen. Pencak Silat und tenaga dalam wurden bis in die 1970er Jahre gemeinhin mit Mystizismus, Geistwesen, dem Übernatürlichen, asketischen Praktiken, Reinigungsritualen usw. gleichgesetzt. Seit dieser Zeit wird aber von staatlicher Seite die „Versportung“ des Pencak Silat propagiert und der moderne Kampfsport wird von mystizistischen Praktiken gezielt abgegrenzt. [Versportung oder auch Sportifizierung meint hier nicht das Phänomen, dass die Gesellschaft sportlicher wird, sondern die Neuschaffung eines modernen (Wettkampf-)Sports, die Transformation einer bestehenden Kunstform in einen Sport.] 1973 wurde ein nationales, standardisiertes Regelwerk eingeführt; tenaga dalam wurde in die neu geschaffene Kategorie „mental-spiritual“ integriert und mit (westlich-) wissenschaftlichen Ansätzen untermauert. Diese Entwicklung spiegelte die damaligen Veränderungen im sozio-kulturellen und politischen Klima Indonesiens, das durch eine landesweite Debatte über Mystizismus gekennzeichnet war. Jegliche magische und übernatürliche Kräfte wurden daraufhin als „veraltete irrationale Praktiken“ bezeichnet (vgl. Surahardjo 1983), umbenannt oder mit neuen Bedeutungen belegt.

Die indonesische Staatsideologie Pancasila , die den Glauben an einen – und nur einen – Gott postuliert, beinhaltet modernisierungstheoretische Ansätze, gerade in Bezug auf Religion und Glaubensfragen. Demnach galten und gelten Geister, übernatürliche Kräfte und mystisch-spirituelles Wissen offiziell als Indizien von Irrationalität und Vor-Moderne. In Indonesien sind aber auch gegenläufige Dynamiken zu beobachten. Trotz kultureller wie sozialer und zunehmend auch politischer Dominanz des Islam besteht gesellschaftlicher Raum für „alternative“ Glaubenssysteme. Seit dem Ende der Ära Suharto (1998) haben staatliche Überwachung und Medienzensur deutlich abgenommen und ein offenerer Umgang mit der Geisterwelt wie mit Übernatürlichem generell ist – zumindest in den Medien – deutlich erkennbar. In einer seit 2010 landesweit populären Reality-TV-Show wenden sogenannte „Geisterjäger‘‘ Pencak Silat-Techniken an, um Geistwesen zu bekämpfen, die Menschen an bestimmten Orten in der Hauptstadt Jakarta belästigen. Das Team der Geisterjäger besteht aus Experten für Übernatürliches, dukun kejawen (Javanische Mystiker) und ustaz (Islamische Gelehrte). Sie sprechen Gebete und Mantras, um durch spezielle Kräfte geschützt zu werden und nutzen Pencak Silat, um Geister in leere Glasflaschen zu bannen. Aber auch die „Versportung“ der Kampfkunst wird weiter vorangetrieben. Seit 1987 und bis zuletzt 2011 ist Pencak Silat als Sportart auf den Südostasienspielen (SEA Games) vertreten, die alle zwei Jahre in einem anderen südostasiatischen Land ausgetragen werden. Die Vertreter der SEA Games setzen sich vehement dafür ein, dass Pencak Silat als Sportart auch in das Programm der olympischen Spiele aufgenommen wird.

Abb.1: Pencak Silat als Wettkampfsport (bei den SEA-Games, Bali 2008).  Quelle: http://wodumedia.com/2008-asian-beach-games/

Steht Pencak Silat demnach zwischen Tradition und Moderne? Befindet es sich in einer Übergangsphase von mystizistischer Kampfkunst zu modernem Kampfsport? Oder gibt es vielleicht eine eigene, indonesische „Moderne Kampfkunst“ mit eigenen Konzepten von Modernität, Spiritualität und Individualität?

Ich stehe also auf der Ladefläche des Lastwagens, weil ich jugendliche Pencak Silat Praktizierende „erforschen“ und ihre Ziele, ihr Selbstverständnis und ihre Modernitätskonzepte in Erfahrung bringen möchte. Durch teilnehmende Beobachtung, Gespräche und Interviews will ich erfahren, welche Lerninhalte durch welche Methoden von den Lehrmeistern des Pencak Silat an ihre Schüler vermittelt und wie diese umgesetzt werden. Dafür habe ich mich bei einer prominenten, in Indonesien weit verbreiteten Pencak Silat Schule angemeldet: Merpati Putih (Weiße Taube).

Aufmerksam wurde ich auf Merpati Putih - kurz MP - bereits 2006, als ich in Jakarta Herr Poerwoto Hadipurnomo traf. Er ist Mitbegründer und Großmeister der Schule und erzählte mir von deren Ursprung und Lehre. Die Wurzeln von MP gehen ihm zufolge auf das hindu-javanische Reich Majapahit und das nachfolgende Sultanat Mataram zurück, exakter auf die kriegsähnlichen Zustände der 1550er Jahre. Sultan Agung, der Mataram zwischen 1613 und 1646 regierte, war ein gefürchteter „Krieger-König“ der sowohl die holländische Kolonialarmee als auch die lokalen Herrscher der benachbarten Reiche in ganz Java unter Druck setzte. Agung’s Sohn Amangkurat und dessen Nachfolger sollen die Geheimnisse der Kampfkunst - MP - innerhalb des keraton (Palast) von Mataram (später Yogyakarta) gefördert und letztendlich institutionalisiert haben. Merpati Putih bedeutet nicht nur „Weiße Taube“ es ist gleichzeitig ein Akronym aus dem Javanischen Satz “MERSUDI PATITISING TINDAK PUSAKANE TITISING HENING” der übersetzt werden kann mit „Suche in der Stille nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit“. Wegen der stil-typischen Atemübungen, die zur Kontrolle der menschlichen „inneren Kraft“ unterrichtet werden, wird MP bis heute als tenaga dalam - Schule bezeichnet.

Abb.2: Mit Poerwoto Hadipurnomo (Mas Poeng) in Jakarta, 2006.  Quelle: Patrick Keilbart        

Abb.3: Genealogie von MP, die auf Amangkurat verweist. Quelle: MP Infoheft „kiat sehat tanpa obat“ (Gesund ohne Medizin)

Weil ich gerade schon wieder auf dem Rückweg nach Deutschland war und wegen der allgemeinen Trainingspause im Fastenmonat Ramadan, konnte ich bis zu meiner Abreise im September 2006 leider kein MP-Training miterleben. Aber Meister Poerwoto versicherte mir sogleich, dass jeder „egal welcher Religion angehörig, ob Islam, Christentum, Buddhismus, oder Kejawen, und egal ob Indonesier oder nicht“ MP erlernen könne. Also verabschiedete ich mich von Mas Poeng mit der Vereinbarung, dass ich in MP unterwiesen würde, sobald ich wieder nach Indonesien käme.

Jetzt, etwa zwei Jahre später war ich bei Merpati Putih, Cabang (Filiale) Bandung angemeldet. Und nach knapp drei Wochen darf ich nun an diesem Ausflug teilnehmen. Der Lastwagen schaukelt uns gemächlich an Reisfeldern und kleineren Dörfern vorbei, immer leicht bergan. Die Stimmung der Jungen und Mädchen ist ausgelassen, wie bei einem Schulausflug. Wir unterhalten uns über alles Mögliche und ich erkundige mich beiläufig, wie die Erwartungen zu dieser Unternehmung aussehen. „Spaß (hiburan) und Abenteuer (pertualan)“ sind die Schlagworte, die ich als häufigste Antwort bekomme. Also bin ich gespannt auf das spaßige Abenteuer, das mich erwartet.

Außer der MP-Trainingskleidung (schwarze Hose, weißes Shirt mit rotem Kragen - in Anlehnung an die Indonesische Nationalflagge) trägt niemand eine Uhr oder sonst etwas bei sich. Also kann ich die Fahrtzeit mit dem Lastwagen nur schätzen. Nach etwa zwei Stunden endet unsere Fahrt an einer kleinen Moschee und es geht zu Fuß weiter. Mir wird erklärt, dass es sehr wichtig sei, zu Fuß und barfuß das letzte Wegstück bis zum Trainingsplatz zu laufen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: zum Einen die unmittelbare Verbindung zur Natur, die man durch Barfußlaufen erreichen kann, zum Anderen das Nachahmen der früheren Pencak Silat Meister, die (nach Mas Poeng) immer barfuß zu besonderen Trainingsstätten am Berg pilgerten. Außerdem muss man die Anstrengung des Barfußlaufens ertragen, um „als Belohnung“ in tenaga dalam unterwiesen zu werden bzw. es zu erlangen. Also laufen wir barfuß auf groben Asphaltstraßen, braun-rötlichem Lehmboden oder Schotterwegen, immer leicht bergan, bis wir geschätzte drei Stunden später den Trainingsplatz erreichen.

Julien und mich haben die Fahrt auf der Ladefläche und der Fußmarsch schon etwas angestrengt. Wir besprechen mit dem Betreuungsteam, dass wir erst einmal ausruhen und nur zuschauen. Für die Gruppe Jungen und Mädchen ist an Ausruhen nicht zu denken. Sofort beginnt das Training, das zu Anfang aus MP-Grundtechniken, Fußstellungen, einfachen Schlag- und Trittkombinationen besteht. Auf einer ebenerdigen, matschigen Fläche von etwa 60 auf 80 Meter wird zu Beginn auch gleich gemeinsam meditiert, in der „halben Lotusstellung“ sitzend und nach den Anweisungen der Trainer. Außerdem werden gemeinsam MP-spezifische Atemübungen zum Generieren von tenaga dalam durchgeführt. Ich kenne sie bereits aus dem regelmäßigen Trainingsprogramm und erinnere mich an die Erklärungen, die ich dazu bekommen habe: pembinaan (Aufbau) sind Atemtechniken, bei denen der Atem während der gesamten Bewegungsabfolge in der Brust, also in der Lunge, gehalten wird. Man steht, sitzt oder liegt dabei in einer bestimmten Position, es wird lediglich ein bestimmter Körperteil bewegt und die entsprechenden Muskeln angespannt. Durch diese Atemtechniken sollen die Schüler_innen lernen, ihre „Innen-Energie“ zu spüren, zu lenken und zu stärken.

[Julien erinnern die Übungen an Yoga. Indische Wurzeln erscheinen aufgrund der Rückführung zu Majapahit nicht unwahrscheinlich. Ich mache mir eine Notiz, dem später auf den Grund zu gehen.]

Abb.4: "pembinaan" auf dem schlammigen Versammlungsplatz. Quelle: Patrick Keilbart

Anschließend werden mehrere Gruppen gebildet und die Kleingruppen im umliegenden, abschüssigen Gelände von jeweils einem Trainer unterrichtet. Das Training nimmt teils quasi-militärische Züge an und wirkt körperlich extrem beanspruchend. Die jungen Teilnehmer_innen kriechen auf dem Bauch durchs Unterholz und über den schlammigen Boden, üben anspruchsvollere Techniken und halten sich diszipliniert an die Anweisungen, die sie bekommen. In kurzen Zwischenpausen werden sie von ihrem Gruppenleiter belehrt über die Wichtigkeit von Durchhaltevermögen, Kampfgeist und Teamgeist, körperlicher wie mentaler Stärke, um letztlich tenaga dalam in sich kultivieren zu können. Die nächste Übung erscheint Julien und mir fast unzumutbar (wir sind uns jedenfalls darin einig, dass so manche Eltern in Deutschland und Frankreich es für ihre Kinder wohl unzumutbar fänden). Um insbesondere auch den Teamgeist und den Zusammenhalt der Gruppe zu fördern, werden alle Teilnehmer_innen mit verbundenen Augen in eine Wassergrube getrieben und sollen sich sodann an den Händen halten, um sich gegenseitig Halt zu geben. Die Jungen und Mädchen laufen nichtsahnend auf die Grube zu, fallen etwa einen halben Meter tief in das flache Wasser und dürfen die Augenbinden erst abnehmen, nachdem sich alle gemeinsam am anderen Ende der Wassergrube aufgestellt haben.

Abb.5: Paramilitärisches Training zur Stärkung von Kampf- und Teamgeist (1). Quelle: Patrick Keilbart

Abb.6: Paramilitärisches Training zur Stärkung von Kampf- und Teamgeist (2). Quelle: Patrick Keilbart

Abb.7: Paramilitärisches Training zur Stärkung von Kampf- und Teamgeist (3).  Quelle: Patrick Keilbart

Das Training ist damit aber längst noch nicht beendet und die nachfolgende Übung erscheint uns mindestens genau so extrem wie die vorherige. Alle sammeln sich wieder auf dem großen matschigen Trainingsplatz. Die Betreuer bilden eine Gasse, die Schüler_innen müssen sie durchlaufen und bekommen von beiden Seiten Schläge und Tritte. Viele von ihnen stolpern, rutschen auf dem schlammigen Boden aus oder gehen durch die Schlagwirkung zu Boden. Sie rappeln sich wieder hoch, angetrieben von den forschen Zurufen der Betreuer, und laufen weiter. Das Ganze wirkt auf mich wie eine Filmszene, in der neue Insassen eines Gefängnisses von den Wärtern zu ihren Zellen getrieben werden.

Nachdem alle Teilnehmer_innen die Gasse durchlaufen haben, werden erneut pembinaan –Atemtechniken durchgeführt. Es wird bereits dunkel und die Erleichterung bei allen ist deutlich spürbar, als eine Pause zur Erholung und für ein (spartanisches) Abendessen angesagt wird. Hände und Gesicht werden gewaschen, dann setzen sich die Jungen und Mädchen in kleinen Gruppen verteilt auf den Boden und essen Reis mit Tofu und Gemüse. Sie plaudern und scherzen über ihre „Unverwundbarkeit“. Die Stimmung wirkt wieder recht ausgelassen.

Währenddessen nutzen die Ausbilder und Betreuer die Pause und versammeln sich in einer nahe-gelegenen Bambushütte, um das weitere Programm zu besprechen. Bevor es damit weiter geht, üben sich die fortgeschrittenen Trainer und Betreuer selbst in pengolahan (Bearbeitung). Bei diesen komplexeren Techniken wird der Atem systematisch zwischen Brust und Bauch bewegt, um die „Innen-Energie“ noch effektiver generieren und lenken zu können.

Abb.8: "pengolahan" der Ausbilder in der Bambushütte.  Quelle: Patrick Keilbart

Für die Schüler_innen geht es sodann weiter im Programm. Das paramilitärische Training haben sie wohl erst einmal hinter sich gebracht. Nach der Pause werden sie gemeinschaftlich in pembinaan - und pengolahan - Techniken unterwiesen. Die Ausbilder erklären und demonstrieren die korrekte Durchführung der Techniken. Sie sprechen über Anwendungsmöglichkeiten von tenaga dalam, wie beispielsweise pematahan (Bruchtests), penyembuhan (Heilung) und getaran (Schwingung). Bruchtests, also das zerschlagen von Beton- oder Eisblöcken, Gusseisen und anderen Metallen mit verschiedenen Körperteilen, sind fester Bestandteil des MP-Prüfungsprogramms und je höher man im Graduierungssystem aufsteigt, desto schwerer werden die Tests. Bruchtests werden auch in der Öffentlichkeit durchgeführt, um die Wirkung von tenaga dalam zu demonstrieren. Öffentliche (Pencak Silat-) Demonstrationen von „Unverwundbarkeit“ und „übernatürlichen Kräften“ haben in verschiedenen Gegenden Indonesiens eine lange Tradition.

[Häufig wird beispielsweise die Unempfindlichkeit gegenüber Waffen, zerbrochenem Glas oder Feuer demonstriert. Auch hier scheinen Parallelen zu Indien (Yogis, Fakiren) deutlich zu werden.]

penyembuhan bedeutet, so erklären die Ausbilder, seine „Innere Kraft“ zu Heilungszwecken einzusetzen. Einerseits kann man Heilungsprozesse im eigenen Körper damit fördern und selbst schwere Krankheiten überwinden. Andererseits ist es möglich, die eigene „Innere Kraft“ durch die Hände auf andere zu übertragen und deren Heilung zu fördern. Der dritte Anwendungsbereich ist getaran, auch „Vibravision“ genannt. Es ermöglicht Sehen ohne die Augen zu nutzen, indem man die Schwingungen wahrnimmt, die von allen materiellen Dingen ausgesendet werden. [MP hat ein „Vibravision“-Programm eigens für blinde Menschen ins Leben gerufen, das bereits von der indonesischen Regierung gefördert wird.] pematahan, penyembuhan und getaran bedeuten in Summe „Modern Inner Power“ lautet das Fazit der Unterweisung. Die Jungen und Mädchen sitzen im Halbdunkel, im Halbkreis um den Referenten herum und lauschen gebannt seinen Erläuterungen. Nur Wenige wirken müde, erschöpft oder schläfrig.

Abb.9: Unterweisung in "pembinaan" und "pengolahan". Quelle: Patrick Keilbart

Es bleibt auch kaum Zeit richtig müde zu werden. Als nächstes steht eine Nachtwanderung mit Fackeln auf dem Programm. Es dürfte mittlerweile wohl etwa Mitternacht sein. Im dunklen nächtlichen Schatten der Bäume spenden die Fackeln nur wenig Licht und wir stapfen unbeholfen, selbstverständlich barfuß, auf Trampelpfaden bergan. Mitternacht ist auch in Indonesien gemeinhin die Zeit, in der Geister und Geistwesen am aktivsten sind. Einige Jungen machen Witzeleien über Angst vor Geistern. Als ich frage, ob wir hier im Wald möglicherweise einem Geistwesen begegnen könnten, mahnt uns der Gruppenleiter zu Ruhe und Konzentration auf den Weg. Somit muss ich meine zweite Frage, ob und wie in solch einem Fall tenaga dalam zur Abwehr des Geistes eingesetzt würde, vorerst zurückstellen. Wir erreichen dann auch das Ziel unserer nächtlichen Wanderung, ein baumfreies Plateau von dem aus man selbst bei Nacht relativ weit ins Tal blicken kann. Dort üben sich die Teilnehmer_innen im Schein der Fackeln erneut in pembinaan, bevor es wieder zurück zum Basislager geht.

Als wir dort ankommen, dämmert es bereits. Julien und ich sind todmüde. Wir ziehen uns in die Bambushütte zurück, um doch noch ein wenig Schlaf zu finden. Den Jugendlichen wird nachwievor nicht erlaubt zu schlafen. Sie dürfen sich aber in Kleingruppen unterhalten und ausruhen. Als wir uns wenige Stunden später auf den Heimweg machen, sieht man ihnen die Strapazen der Nacht auch an. Die Stimmung ist trotzdem wieder ausgelassen und bevor es endgültig zurück nach Bandung geht, wird noch ausdauernd posiert für Erinnerungsfotos.

Abb.10: Mit einigen Teilnehmer_innen am Morgen, vor der Heimreise. Quelle: Patrick Keilbart

Noch während der Rückfahrt versuche ich meine Erwartungen und tatsächlichen Erfahrungen zu reflektieren. Ich hatte insgeheim gehofft, Zusammenhänge zwischen Pencak Silat und Mystizismus, Geisterglaube oder religiösen Praktiken beobachten zu können. Für mich waren letztlich divergente Phänomene erkennbar. Religiöse Pflichten, wie für Muslime mehrmals täglich zu beten, konnten während des gesamten Ausflugs nicht erfüllt werden. Es gab allgemein keinerlei Gebete, keine Opfergaben, keine Mantras, keine Mystifizierung oder Ähnliches. Im Gegenteil, die Betreuer betonten immer wieder die rationale Herangehensweise an tenaga dalam – Inner Power sei lediglich durch diszipliniertes, hartes Training, Atemübungen und Meditation (mentale Stärkung) zu erlangen, ganz im Sinne der offiziellen Kategorie „mental-spiritual“. Damit deuten sich in gewisser Weise Antworten auf meine eingangs gestellten Fragen an, nach einer möglichen „modernen Kampfkunst“ mit eigenen Konzepten von Modernität, Spiritualität und Individualität.

In Pencak Silat Schulen wie Merpati Putih wird erzieherisch Einfluss auf die Normen und Wert-vorstellungen der Mitglieder genommen; sie werden systematisch an die kollektive Identität und Ideologie des Kollektivs herangeführt. Schulen verbreiten eine eigene Pencak Silat Kultur indem sie aktiv die Normen, Werte und Einstellungen gerade junger Indonesier_innen gestalten. Die so geformten Mitglieder sollen später als Agenten des Kulturwandels in gesellschaftlichen Schlüssel-positionen wirken. Zwischen dem Kollektiv und dessen Mitgliedern besteht also eine dialektische Beziehung (vgl. Hansen 2000). Von den Lerninhalten und Lehrmethoden in Merpati Putih habe ich im Rahmen dieses Wochenendausflugs einen ersten Eindruck gewinnen können. Intellektuelle und religiöse Schulung wird von der Pencak Silat Ausbildung deutlich abgegrenzt. Auch von mystischen, übernatürlichen Praktiken distanzieren sich die Ausbilder dezidiert. Das Naturerlebnis ist verbunden mit körperlich extremer Belastung durch quasi-militärisches Training. Es fördert den Zusammenhalt in der Gruppe, bietet aber auch seelische Orientierung, mentale und spirituelle Stärkung für das Individuum. Interessant bleibt, welche Vorstellungen (Standardisierungen) die Jugendlichen im Rahmen des kollektiven Pencak Silat Trainings annehmen und wie das Individuum letztlich auf die Kultur zurückwirkt. Wie stellen sich die jungen Indonesier_innen eine moderne Kampfkunst vor und was bedeutet für sie „Modern Inner Power“?

Der Lastwagen schaukelt uns wieder zurück nach Bandung. Ich habe zwar noch eine ganze Reihe unbeantworteter Fragen, gönne den Jungen und Mädchen aber vorerst ihre wohlverdiente Ruhe. Sie geben mir schließlich noch einen interessanten Ausblick mit auf den Weg: tradisi tahunan – das alljährliche Treffen in Parangkusumo (ein kleiner Ort an der Südküste), wird in wenigen Wochen stattfinden. Merpati Putih Mitglieder aus ganz Indonesien und aus dem Ausland treffen sich dort, um gemeinsam tenaga dalam zu trainieren. Die Küste um Parangkusumo ist in Java bekannt als „Kraft-Ort“ und als Heimat von Ratu Kidul, der „Königin des Südmeeres“. Sie ist ein weibliches Geistwesen, das traditionell und bis heute in einer erotisch-spirituellen Beziehung zum Sultan von Yogyakarta steht und dessen Reich vor Unheil schützt (Schlehe 1998). Vielleicht kann ich während der tradisi tahunan noch mehr über die Zusammenhänge zwischen Pencak Silat und Geisterglaube in Erfahrung bringen.

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Hadipoernomo, Poerwoto (1999) „Kiat sehat tanpa obat. Ramuan Seni Pernafasan.” Jakarta: Yayasan Saring Hadipoernomo.

Hansen, Klaus P. (2000) „Kultur und Kulturwissenschaft.“ Tübingen/Basel: Francke Verlag (2.Aufl.)

Maryono, O’ong (2002) „Pencak Silat in the Indonesian Archipelago“ Yogyakarta: Yayasan Galang.

Schlehe, Judith (1998) „Die Meereskönigin des Südens, Ratu Kidul. Geisterpolitik im Javanischen Alltag.“ Berlin: Reimer Verlag.

Surahardjo Y.A. (1983) „Mistisisme.“ Jakarta: Pradnya Paramita.