DORISEA Forscher PD Dr. Volker Gottowik berichtet

Opfergaben für die Göttin des Kratersees

Eine Pilgerfahrt an den Gunung Rinjani auf Lombok, Indonesien

Von Volker Gottowik, Universität Heidelberg

Die junge Frau mit den hochstehenden Backenknochen hat ein Bündel Banknoten vor sich auf die Matte gelegt. Ihr gegenüber hockt ein ganz in weiß gekleideter Mann mit einem respektablen Notizbuch auf den verschränkten Beinen. Er nimmt das Geld, zählt es gewissenhaft und notiert den Betrag. Es ist eine erhebliche Summe, die am letzten Tag der Pilgerfahrt an den Gunung Rinjani der Göttin des Kratersees übergeben werden soll.

Ich spreche die junge Frau an. „Du kannst mich Dayu nennen“, bietet sie mit kaum verhülltem Stolz an. Der Name, eine Verkürzung von Ida Ayu, weist sie als Angehörige der obersten Kaste aus. Es gibt viele junge Frauen mit diesem Namen hier oben am Kratersee. Als Brahmaninnen haben sie alle das gleiche Problem: Ohne Statusverlust können sie nur einen Brahmanen heiraten, dagegen sind die Männer dieser Kaste für Frauen jedweder Abkunft die begehrtesten Heiratspartner. Die hindu-balinesische Gesellschaft hat dieses Problem traditionell dadurch zu lösen versucht, dass sie Cousin und Cousine miteinander vermählte. Doch diese Zeiten sind längst vorüber.

Ich frage Dayu, warum sie die beschwerliche Pilgerfahrt an den Kratersee des Gunung Rinjani auf sich genommen hat, ernte aber nur ein abwehrendes Lächeln. Ob sie hier oben einen Heiratspartner suche, will ich von ihr wissen. Der in weiß gekleidete Mann mit dem Notizbuch, der unser Gespräch verfolgt hat, deutet mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfnicken an, das ich hier richtig liegen könnte. Meine kurze Ablenkung nutzt die junge Frau, um sich dezent zu verabschieden.

Dayu gehört zu den rund 500 bis 600 Pilgern, die jedes Jahr zu Beginn der Regenzeit an den Kratersee des Gunung Rinjani ziehen. Es sind Angehörige der hindu-balinesischen Minderheit, die bereits seit mehreren Generationen auf der indonesischen Insel Lombok leben. Doch auch Pilger aus Bali schließen sich dieser insgesamt sechstägigen Wallfahrt an. Sie geht der Legende nach auf einen balinesischen König zurück, der den Westteil der Insel Lombok zu Beginn des 18. Jahrhunderts erobern konnte. Als seine Untertanen unter einer schrecklichen Dürre litten, pilgerte er an den 2000 Meter hoch gelegenen Kratersee des Gunung Rinjani. Dort opferte er den Göttern, und er bat sie darum, die drohende Hungersnot abzuwenden. Schon auf seinem Rückweg begann es der Legende nach zu regnen. Seither wiederholen die Pilger diese exemplarische Wallfahrt jedes Jahr zum fünften Vollmond des hindu-balinesischen Kalenders. Die Opfergaben, die sie mit sich führen, sollen Batara Gunung, den Gott des Berges, und Dewi Anjani, die Göttin des Kratersees, dazu bewegen, es bis zum Einsetzen der nächsten Trockenzeit ausreichend regnen zu lassen. Viele Pilger verbinden diese Wallfahrt jedoch auch mit persönlichen Zielen. Neben Glück und Wohlergehen erbitten sie Gesundheit, Schwangerschaft oder einen geeigneten Heiratspartner.

Abb. 1: Gunung Rinjani (3726m) mit Kratersee Segara Anak

Mit der Ursprungslegende, die der Pilgerfahrt an den Gunung Rinjani zugrunde liegt, ist Jaya bestens vertraut. Er gehört zu den Organisatoren dieser Pilgerfahrt, ist Anfang zwanzig und absolviert eine Ausbildung als Krankenpfleger. Nächsten Mai soll Abschlussprüfung sein. Jaya führt Buch über die Opfergaben der Pilger, zu denen neben Geld auch Schmuck und Edelsteine gehören. Eine Besonderheit der Pilgerfahrt an den Gunung Rinjani sind Opfergaben in der Gestalt kleiner Fische, Garnelen und Schildkröten, die aus Gold-, Silber- und Kupferblättchen gestanzt werden. Bis zum Jahre 2003 wurde auch alle fünf Jahre ein Wasserbüffel zum Kratersee hinauf getrieben und dort geschlachtet. Da es zu Beschwerden über eine Verunreinigung des Sees gekommen war und die hindu-balinesische Gemeinde einen Konflikt mit der muslimischen Mehrheitsbevölkerung vermeiden wollte, belässt sie es mittlerweile dabei, einige Hühner zu opfern sowie Gänse und Enten auf dem See auszusetzen.

Ich hatte Jaya bereits am ersten Tag der Pilgerfahrt kennengelernt, als sich die Teilnehmer im größten Tempel der Gemeinde Gunung Sari nördlich der Hauptstadt Mataram versammelten. Da von diesem Tempel einst auch der legendäre balinesische König aufgebrochen sein soll, verabschiedet die hindu-balinesische Gemeinde hier ihre Pilger mit feierlichen Ansprachen und einem gemeinsamen Gottesdienst. Der Gouverneur von Westlombok hat seinen Stellvertreter geschickt, der das friedliche Zusammenleben von Muslimen und Hindus auf Lombok hervorhebt. Und ein Vertreter von „Parisada Hindu Dharma“, der offiziellen Vertretung aller Hindus in Indonesien, betont die kulturelle und religiöse Vielfalt der Insel. Die Pilgerfahrt sei ein lebendiger Beweis dafür, dass Lombok – wie er mehrfach betont – nicht nur die sprichwörtliche „Insel der tausend Moscheen“ sei, sondern auch die Heimat der hier lebenden Hindu-Balinesen.

Abb. 2: Verabschiedung der Pilger

Nachdem die ganz in weiß gekleideten Pilger den Segen der Priester erhalten haben, geht es los, und wir fahren zunächst mit Kleinbussen in den Norden der Insel. Mit Einbruch der Dunkelheit erreichen wir das Dorf Pegadungan, das sich in der Weite der ansteigenden Landschaft verliert. Hier endet die holprige Piste, hier werden wir übernachten. Viele der jüngeren Teilnehmer haben Zelte dabei, alle anderen kommen in den Hütten der Einheimischen unter.

Um fünf Uhr früh brechen wir auf. Es ist noch stockfinstere Nacht, doch den meisten Pilgern scheint der schmale Fußweg vertraut. Es geht zunächst durch eine offene Graslandschaft, dann durch tropischen Regenwald und schließlich immer höher hinauf in baumloses Gelände. Der Aufstieg wird gelegentlich unterbrochen, wenn wir Quellen oder Höhlen erreichen und auffällige Urwaldbäume oder eigenartig geformte Felsen den Weg säumen. Hier verweilen die Pilger zu einer kurzen Andacht, bevor sie weiterziehen.

Abb. 3: Andacht im Regenwald

Während die Pilgerschar zunächst im Gänsemarsch nur langsam vorankommt, bricht sie nach einer Weile in kleinere Gruppen auseinander. Die Gruppe, in der ich mich wiederfinde, ist ausgesprochen heterogen. Zu ihr gehört ein Geschäftsmann aus Bali, der seinen eigenen Fotografen mitgebracht hat; dieser wird quasi jeden Schritt seines Auftraggebers im Bild festhalten. Außerdem gibt es einen ärmlich gekleideten Bauern, der nicht mehr bei sich hat als einen leeren Reissack und eine leere Plastikflasche; in den Reissack wird er nachts hineinkriechen, um sich vor der empfindlichen Kälte zu schützen, und in die Plastikflasche wird er Heiliges Wasser abfüllen, um es seiner Familie mitzubringen. Zu unserer Gruppe gehören auch mehrere Jugendliche, die die Pilgerfahrt als einen willkommenen Anlass nehmen, sich der Obhut der Erwachsenen zu entziehen. Es sind junge Männer und ein paar junge Frauen, denen die täglichen Gebete am Fuße des Gunung Rinjani kaum wichtiger sein werden als das Angeln im Kratersee und das gemeinsame Kochen.

Angeführt wird unsere Gruppe von einem der beiden Brahmana-Priester, die gewissermaßen das geistige Oberhaupt der Pilgerfahrt an den Gunung Rinjani bilden. Er heißt Putu Manggis und ist mit Frau und Sohn unterwegs. Es ist ein drahtiger Mann mit aristokratisch geschwungener Nase, sein blendend aussehender Sohn, schon mit einem gewissen Hang zu den jungen Damen, steht offenkundig für sein getreues Abbild in jungen Jahren. Es ist auffällig, dass die anderen Mitglieder unserer Gruppe die Nähe zu diesem Priester suchen. Denn Brahmana-Priester gelten als halbentrückte Wesen, irgendwo zwischen Mensch und Gott angesiedelt, denen man sich nur mit der größten Ehrerbietung zu nähern wagt. Auch auf der Pilgerfahrt genießen sie vielfache Privilegien, und bei der Anrede müssen Titel und Höflichkeitsformen stets gewahrt bleiben. Doch hier teilen sie die Strapazen von Hitze und Regen, steinigen Wegen und karger Kost mit allen anderen Pilgern. Und es gibt die Gelegenheit zu einem Gespräch mit ihnen.

Abb. 4: Pedanda Gede Putu Manggis zwischen dem Autor und Pedanda Ranu Tawang sowie Pemangku Gusti Gede Badra

Putu Manggis erzählt von „Tri Hita Karana“, einem hindu-balinesischen Glaubensprinzip. Es betont die Notwendigkeit, Kosmos, Mensch und Umwelt im Gleichgewicht zu halten. Die Pilgerfahrt an den Gunung Rinjani soll zu diesem Gleichgewicht beitragen – vor allem mit den Gebeten der Pilger am Kratersee und den zahlreichen Opfergaben. Dass die Götter die Gebete erhören und die Opfergaben annehmen, ist hier am Gunung Rinjani, dem sakralen Zentrum der Insel Lombok, wahrscheinlicher als an jedem anderen Ort. Denn die Verdichtung der Elemente, zu denen am Fuße dieses aktiven Vulkans nicht zuletzt Feuer, Wasser und Rauch gehören, verweist ihm zufolge auf die unmittelbare Nähe der Götter.

Putu Manggis erzählt von diesen Dingen völlig unaufgeregt, ohne jeden dogmatischen Unterton. Er zeigt Humor, wenn er zu meinen regendurchweichten High-Performance-Trekking-Schuhen bemerkt, ich solle besser Gummistiefel tragen. Er selbst trägt Badelatschen, wie fast alle anderen Teilnehmer. So auch die Träger, die später aufgebrochen waren, uns nun jedoch im Eilschritt mit ihren an Bambusstangen befestigten Lasten überholen. Wie es ihnen gelingt, so über Stock und Stein zu marschieren und dabei bis zu 30 Kilogramm Gepäck auf den Schultern zu balancieren, bleibt mir ein Rätsel.

Abb. 5: Träger in Badelatschen Abb. 6: … überqueren einen Bach

Gegen 14 Uhr erreichen wir den Platz, an dem wir übernachten werden. Es ist felsiges Gelände, völlig ungeeignet ein Zelt zu errichten. Da hier jedoch der Überlauf des Kratersees mit zwei Sulfat-haltigen Bächen zusammenfließt, gilt der Platz als spirituell aufgeladen. Hier erreicht uns die Nachricht, dass ein Pilger verunglückt ist. Nahe der ausgesetzten Urip-Quelle ist er bei strömendem Regen auf einem schmalen Band ausgerutscht und zwölf Meter die steile Böschung hinabgestürzt. Er hat sich einen Arm gebrochen und musste von den SAR-Leuten, einer Art technischem Hilfsdienst, ins Tal zurückgebracht werden. Neben Mitgefühl für den Verunglückten ist aus den Gesprächen der Pilger auch Genugtuung darüber herauszuhören, die Gefahren, die ausgesetzte Pfade und steile Abhänge in sich bergen, selbst erfolgreich bestanden zu haben. Ein Feldgottesdienst beschließt den Tag. Die Nacht ist kalt und unbequem.

Am nächsten Morgen brechen wir gegen 7 Uhr auf. Nach der neunstündigen Wanderung des Vortages werden wir den Kratersee schon um die Mittagszeit erreichen. Den Weg dorthin säumen Höhlen und Grotten, die von heißen und kalten Quellen in das poröse Lavagestein gewaschen wurden. Vor den Höhlen werden Gottesdienste abgehalten, in den Grotten nehmen die Pilger spirituell reinigende Bäder.

Abb. 7: Andacht vor einer Grotte

Hier treffen wir auch auf Muslime, die aus allen Teilen Lomboks in diese Gegend pilgern. Auch ihnen gilt der Gunung Rinjani mit dem Kratersee Segara Anak als sakrales Zentrum der Insel Lombok. Auch sie besteigen den Gipfel, um ihrem Gott näher zu sein, auch sie schätzen das spirituell reinigende Bad in den heißen Quellen. Doch diese rituellen Praktiken, die Gemeinsamkeiten zwischen den Konfessionen betonen, geraten zunehmend unter Druck. Denn auf Lombok, wie auch in vielen anderen Teilen Indonesiens, hat sich in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten eine Form des Islam durchgesetzt, die sich stark am nahöstlichen Ideal orientiert. Mit der reinen Lehre sind diese lokalen Traditionen jedoch nicht zu vereinbaren und werden deshalb von der Mehrheit der Muslime auf Lombok mittlerweile als vorislamische Gebräuche oder magische Praktiken abgelehnt. Auch die muslimischen Pilger am Gunung Rinjani verspüren diesen Druck, sich wie richtige Muslime zu betragen. Fragen nach dem woher und wohin sind ihnen offenkundig unangenehm.

Dass sich muslimische und hinduistische Pilger am Gunung Rinjani nicht in die Quere kommen, ist einer Kombination aus gegenseitiger Toleranz und eingespielten Mechanismen geschuldet. Dazu gehört, dass beide Konfessionen keine Exklusivitätsansprüche auf das sakrale Zentrum der Insel Lombok erheben und darauf verzichten, dauerhafte Gebäude am Seeufer zu errichten. Außerdem sind ihnen Vorstellungen einer rituellen Verunreinigung weitgehend fremd, so dass die Nutzung der als heilig geltenden Quellen auch Andersgläubigen offen steht. Darüber hinaus greifen praktische Regeln, die von den Pilgern am Seeufer eingehalten werden: Die Hindu-Pilger verzichten auf Schweinefleisch, die Muslim-Pilger darauf, ein Alkoholverbot vor Ort durchzusetzen. Im Sinne einer nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen darf kein Baum gefällt, sondern nur totes Holz als Brennholz gesammelt werden. Die Jagd ist generell verboten, geangelt werden darf nur für den eigenen Verzehr. Jede Verletzung dieser Regeln, vor allem die Errichtung von Moschee oder Tempel am Kratersee – darüber sind sich alle Beteiligten im Klaren –, würde das friedliche Miteinander von Hindus und Muslimen auf Lombok gefährden. In weiser Voraussicht hat die indonesische Regierung Anfang der 1990er Jahre die gesamte Region zum Nationalpark erklärt und sich damit ein wirksames Mittel an die Hand gegeben, einem entsprechenden Ansinnen entgegenzutreten.

Abb. 8: Ankunft am Kratersee

Am Ufer des Kratersees treffen wir auf Pilger, die nicht wie wir von der Hauptstadt Mataram aufgebrochen sind, sondern aus Narmada, Suranadi und anderen Städten in Zentrallombok kommen. Sie haben bereits ihre Zelte längs des Seeufers und rund um den Ritualplatz aufgestellt, der in den nächsten drei Tagen im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen wird. Dieser Platz ist nicht viel größer als ein Handballfeld und weist dort, wo er mit der längeren Seite an den See stößt, einen aus Steinen locker geschichteten Sockel auf. Die Pilger haben einen aus Bambus gefertigten Schrein auf diesen Sockel gestellt und noch zwei weitere zu ebener Erde, die ihn links und rechts flankieren. Zum Ende der Pilgerfahrt werden sie diese Schreine verbrennen. Nichts soll auf eine dauerhafte Einvernahme dieses Platzes hindeuten.

Abb. 9: Zeltdorf am Kratersee

Auf Vermittlung von Jaya komme ich im Zelt der Organisatoren unter, das aus kaum mehr besteht als einer großen gespannten Plastikplane. Dort werde ich Santika Arja Bambang, dem charismatischen „Master of Ceremony“ vorgestellt. Der große hagere Mann mit den straff nach hinten gekämmten Haaren erkundigt sich danach, warum ich an dieser Pilgerfahrt teilnehme und welcher Konfession ich angehöre. Ob wir auch in meinem Land zusammen mit Hindus beten können? Meine Antwort gefällt ihm nicht, das muss er nicht extra erwähnen, dennoch fordert er mich auf, mich für das anstehende Gebet umzuziehen. Ich lege die weiße Ritualtracht der Pilger an, so wie es die Kleiderordnung verlangt, und setze mich mit verschränkten Beinen an den Rand des Ritualplatzes. Das Dieselaggregat, das die Träger heraufgeschafft haben, wird angeworfen, ein paar Glühbirnen gehen an, die den Ritualplatz notdürftig beleuchten, und über Lautsprecher höre ich die Stimme von Pak Santika, der das erste gemeinsame Gebet am Ufer des Kratersees ankündigt. Das Knattern des Dieselaggregats, die schrille Musik, die jetzt über den Lautsprecher ertönt – nichts entspricht meinen Vorstellungen von Einkehr, Besinnung oder stiller Meditation in dieser nahezu unberührten Landschaft. Dann beginnt sich der Ritualplatz mit den Pilgern zu füllen, Räucherstäbchen werden angezündet und das „Tri Sandya“ angestimmt, ein gemeinsam gesprochenes Gebet, das mich an das Vater Unser erinnert. Ohm – erklingt es immer wieder ganz tief aus hunderten Kehlen. Der Tag geht in die Nacht über, auf dem See wabern Nebelschwaden, Horizont und Himmel verschwimmen ineinander. Ein mystischer Ort, tatsächlich müssen die Götter hier ganz in der Nähe sein.

Abb. 10: Gottesdienst am Kratersee

Die drei Tage am Kratersee variieren einen Tagesablauf, der von Gebeten und Bädern in den nahe gelegenen heißen Quellen geprägt ist. Eine leere, fest versiegelte Glasflasche wird mit Steinen beschwert und im Kratersee versenkt, um am darauffolgenden Tag halbvoll geborgen zu werden. Dieses Wunder gilt als gutes Omen im Hinblick auf den erhofften Regen und wird zum Beweis mit der gesamten zur Verfügung stehenden Technik – Digitalkamera, Camcorder, iPhone – festgehalten. Am zweiten Tag verabschiedet die Pilgerschar feierlich eine Abordnung von fünf jungen Männer und einer jungen Frau, die stellvertretend den 3726 Meter hohen Gunung Rinjani besteigen soll. Auf dem Gipfel werden sie ein Gebet an die Götter richten und diese darum bitten, das mitgeführte Wasser aus dem Kratersee zu segnen und damit in Heiliges Wasser umzuwandeln.

Abb. 11: Andacht vor dem Aufstieg zum Gipfel

Die Bergsteiger werden erst am nächsten Tag zurück erwartet. Da es in der Nacht heftig regnet und die starken Winde am Gipfel gefürchtet sind, ist der Ausgang dieses Unternehmens ungewiss. Der Erfolg der gesamten Pilgerfahrt hängt am glücklichen Verlauf dieser Bergtour, soll doch das Heilige Wasser bereits am nächsten Abend, dem fünften Vollmond des hindu-balinesischen Kalenders, in den Tempelanlagen von Narmada und Surandi als Weihwasser dienen. Als die Bergsteiger nach knapp 24 Stunden erschöpft wieder am Kratersee eintreffen, ist die Erleichterung groß. Es ist ihnen trotz der widrigen Umstände gelungen, bis zum Gipfel vorzudringen.

Eine Trekking-Gruppe, die ebenfalls den Gunung Rinjani besteigen will, zieht neugierig durch das Zeltdorf. Die jungen Leute aus Australien, Frankreich und Deutschland äußern sich abfällig über die hygienischen Verhältnisse und den Müll, der überall herumliegt. Dabei bedenken sie nicht, dass ihr eigenes Verhalten – mal eben für zwei, drei Wochen um den halben Globus zu jetten – die Umwelt nachhaltiger schädigt als die Unachtsamkeit der Pilger. Was an Müll anfällt – Plastikverpackung, Blechdosen, Essensreste – landet auf einem schwelenden Müllhaufen, der Teile des Zeltdorfs mit beißendem Rauch überzieht. Da es auf Lombok keine geordnete Müllentsorgung gibt, die diesen Namen verdient, verbrennen die Pilger alle Abfälle gleich hier oben am Kratersee.

Ein paar junge Männer haben zwischen den Zelten der Pilger einen improvisierten Kiosk aus Plastikplanen und Pappkartons errichtet. Es sind Muslime aus Sembalun, die einen ganzen Tag hierher marschiert sind, um zum Verkauf anzubieten, was die Pilger benötigen: Zahnpasta, Seife, Zigaretten, Kekse. Ich bestelle einen Kaffee, setze mich zu ihnen und frage danach, was sie von dieser Pilgerfahrt halten. Mir am nächsten sitzt Sema, ein Schlacks von gut zwanzig Jahren. Er ist voll des Lobes, doch scheint er damit vor allem seine gut gehenden Geschäfte zu meinen. Anderntags werde ich ihn am Rande eines Gottesdienstes wiedertreffen. Zusammen mit seinen Freunden verfolgt er das Geschehen mit staunendem Interesse, doch eine Kommentierung der fremden Rituale – positiv oder negativ – ist ihm nicht zu entlocken. Es wäre eine Anmaßung, die er sich niemals herausnehmen würde.

Abb. 12: Über die Schultern von Muslimen …

Den Höhepunkt der Pilgerfahrt bildet die Übergabe der Opfergaben an Dewi Anjani, die Göttin des Kratersees – eine rituelle Handlung, die allen Hindu-Balinesen auf Lombok als „Upacara Mulang Pekelem“ bekannt ist. Sie erfolgt in der Morgendämmerung des letzten Tages im Anschluss an einen Gottesdienst. Zum letzten Mal erklingt das Lied über Lautsprecher, das der ergraute Dewa Made Budha im Jahre 2004 während einer Pilgerfahrt an den Gunung Rinjani komponiert hat:

Das ist das Fest des Goldes,
des Silbers und auch Kupfers,
der Bronze, Münzen und Juwelen,
die wir zu unseren Opfergaben legen.

So beginnt die zweite Strophe, die dann auf die Form dieser erlesenen Opfergaben eingeht:

Diese Edelmetalle sind alle geformt
nach dem, was den See erfüllt:
Schildkröte, Fisch und Garnele,
die uns so sehr verzaubern.
Göttin des Sees, segne sie.
Das erhoffen wir uns von Euch.

Das Lied leitet den letzten gemeinsamen Gottesdienst ein. Die Pilger falten die Hände zum Gebet, eine Blüte zwischen den Mittelfingern. Ohm swasti astuohm. Noch einmal verbreitet sich diese irreale Stimmung am Kratersee. Die Nebel über dem Wasser beginnen sich zu lichten, ganz langsam will es Tag werden.

Abb. 13: Am letzten Morgen

Einige junge Männer haben sich bis auf einen weißen Sarong entkleidet, um für diesen feierlichen Abschluss persönlich den Segen der beiden Brahmana-Priester entgegen zu nehmen. Die halbnackten Männer laden die in Körbe verstauten Opfergaben auf ein Floß aus Bambusstangen und Autoreifen, das sie schwimmend auf den See hinausgeleiten. Auf dem Floß steht etwas unsicher Pak Santika und gibt Anweisung, es immer weiter auf den Kratersee hinauszutreiben. In der Mitte des Sees weist er die Schwimmer an, das Floß festzuhalten. Mit ausholenden Bewegungen wirft der „Master of Ceremony“ die Opfergaben im hohen Bogen in die Fluten. Sie versinken für immer im 200 Meter tiefen Kratersee. Eine Gans und drei schwarze Enten werden für Dewi Anjani auf dem See ausgesetzt, doch die verschreckten Opfertiere haben nichts Besseres im Sinn, als sofort zurück zum Ufer zu schwimmen. Dort warten bereits muslimische Träger, um sie für den eigenen Kochtopf einzufangen.

Zum Abschluss werden Gewehrsalven abgefeuert, „Merdeka“-Rufe erschallen. Wir stehen noch einen Moment zögernd herum, wollen nicht wahrhaben, dass die Pilgerfahrt nun zu Ende ist. Ich frage Pak Gede Renjana, den Vertreter von „Parisada Hindu Dharma“ hier oben am Kratersee, was diese Rufe zu bedeuten haben. Er erklärt, dass „Merdeka“, das indonesische Wort für Freiheit, für die Befreiung des Körpers aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt steht. „Merdeka“ steht für „Moksa“, Vereinigung mit dem Göttlichen, Unsterblichkeit.

Abb. 14: „Merdeka!“

Dann erfolgt der Aufbruch. Es geht zunächst vom Kratersee auf die 2.600 Meter hohe Caldera und anschließend hinunter ins Dorf Senaru auf 600 Meter. Die meisten Pilger benötigen für diese Tour acht bis neun Stunden. Sie erdulden Strapazen, die sie unter normalen Umständen nicht auf sich nehmen würden. Dass sie sie wohlbehalten überstehen, führen sie auf das Heilige Wasser zurück, dass sie von den Quellen am Kratersee mitgenommen haben.

Als ich mich ein Jahr darauf noch einmal den Pilgern anschließe, treffe ich wieder auf Jaya. Er führt weiterhin Buch über die Opfergaben, seine Prüfung als Krankenpfleger hat er mittlerweile abgelegt. Uns fällt auf, dass Dayu, die junge Brahmanin mit den hochstehenden Backenknochen, dieses Mal nicht mit dabei ist. Jaya vermutet, dass die Göttin des Kratersees ihr schon beim ersten Mal geholfen hat. Und ich will es gerne glauben.

Fotos: Volker Gottowik © 2012